Mit allem, was lebt

Mir ist vor mehr als fünfzig Jahren das Wort Hölderlins begegnet, mit dem er seinen »Hyperion« schließt: »Eines zu sein mit allem, was lebt …«

Es hat mich seitdem in vielerlei Bedeutung begleitet. Als ich ein Schüler war, fand ich in ihm den Traum von einer mystischen Einheit zwischen der Seele und der Welt. Als ich den Krieg erlebte, war es mir eine Zuflucht, wenn mir die Welt der Menschen mit ihren Lügen und Verbrechen unerträglich wurde. Als ich erwachsen war, fand ich in ihm die Anweisung, das Elend der Menschen und der Geschöpfe dieser Erde wie mein eigenes mitzuerfahren.

Heute, da ich alt bin, finde ich in ihm die Deutung des großen Zusammenhangs zwischen allen Schichten und Dimensionen, der mich auch weiter umgeben wird über dieses Leben auf dieser Erde hinaus. Eins sein mit allem. Mit dem lebendigen, umfassenden und alles durchdringenden Geist. Nicht abgetrennt sein von der Erde. Nicht allem anderen arrogant gegenüberstehen, sondern ihm zugehören und so dem Fluch der Wurzellosigkeit nicht verfallen, der die Ursache so vieler Krankheiten ist, denen die Seelen moderner Menschen zum Opfer fallen. Nicht dem Hass gegen die Schönheit und Würde der Dinge verpflichtet sein, der heute dieses »alles was lebt« zerstört.
Jörg Zink

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D.K. schrieb:

...beim Aufräumen im Bücherschrank habe ich das im September 1987 gekaufte Buch "Wie wir beten können" wieder neu entdeckt und seit mindestens 10 -15 Jahren das erste Mal... Weiterlesen →

Chr. Zink schrieb:

Sehr geehrte Frau Friesen, bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihre Frage erst jetzt für meinen Vater beantworte, ich habe den Eingang Ihrer Zuschrift auf der Homepage leider... Weiterlesen →
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