Die vier großen Aufgaben unserer Zeit

Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, würdigte in einer Feierstunde am 13. Februar 2015 das Lebenswerk von Jörg Zink und verlieh ihm den Ehrentitel Professor. Der Geehrte bedankte sich unter anderem mit diesen Worten:

… Als ich im vergangenen Herbst von der hohen Ehre erfuhr, die Sie, lieber Herr Kretschmann, mir zuteil werden lassen, waren wir alle im Haus überrascht und natürlich erfreut. Mich selbst brachte freilich die unerwartete Nachricht zunächst ins Grübeln: »Professor«? – stand mir so ein prächtiger Titel überhaupt zu?

Auf den ersten Blick sprach eigentlich alles dagegen: Habe ich nicht nach kurzer Zeit als Repetent im Tübinger Stift eher fern der Fakultäten gewirkt? Habe ich nicht ein Leben lang mich eher um die Anfänge gemüht – um das Gehen erster Schritte in bunt verschiedenen Bereichen des Pfarrerberufs – und all dies ohne den Anspruch, ferne Gipfel der Fachwissenschaft zu erklimmen? Habe ich nicht meine Bücher ganz un-professoral fast ohne Fremdwörter abgefasst? Und sucht man nicht auf meinen Seiten die Perlen der Professorenschriften – die klugen Fußnoten unter dem Text – weithin vergeblich? – Wenn ich es so bedachte, eignete ich mich, auch ehrenhalber, wohl kaum zum Professor!

Glücklicherweise brachte mir das Erinnern früher Lateinstunden rasch die Freude zurück, denn das Wort »Professor« leitet sich ja von »profiteri« her, und das bedeutet »sich offen zu etwas bekennen« oder »sich für etwas bereit finden«. In der Sprache der Römer ist »profiteri« eines der seltenen, seltsamen Wörter die eine aktive Bedeutung haben, in ihrer Form aber wie passive Wörter erscheinen. Im Kreis der Familie haben wir daraus den fröhlichen Schluss gezogen, dass schon die besondere Wortform es anzeigt: Wenn man eines schönen Tages den Titel »Professor« erhält, ist zwar vielleicht eine Leistung gemeint, die man sich – aktiv – verdient hat, aber man kann es genauso gut als ein Schicksal betrachten, das einen – ganz passiv – ereilt.

Seit ich es so sehe, will ich den ehrenden Titel mit Freuden auf mich nehmen, denn in der Tat sind es vier große Aufgaben, zu denen ich mich mit Nachdruck »bekenne« und für die ich mich weiter »bereit finden« werde. Ihnen habe ich mich lebenslang, im Wortsinn, »verschrieben«, und ich weiß mich darin – in Geist und Absicht – sehr einig mit Ihnen, lieber Herr Ministerpräsident, ich weiß mich einig mit vielen anderen Menschen in unserem Land und einig mit immer mehr Menschen überall auf der Welt:

Da ist zuerst die Aufgabe aller, das Zeitalter der Kriege zu beenden. Es gilt, den Sinn und die Kraft der Gewaltlosigkeit aufzuzeigen und eine Ära des gemeinsamen Lebens auf diesem Erdball einzuleiten. Denn nur so kann die Menschheit überleben.

Die zweite Aufgabe ist, das Zeitalter des sozialen Unrechts zu beenden. Es gilt, soziale Gerechtigkeit zu erreichen zwischen Großen und Kleinen, Reichen und Armen, Mächtigen und Machtlosen. Denn nur so kann es Frieden geben.

Unsere dritte Aufgabe ist, das Zeitalter der Plünderung und des Verbrauchs der Schätze der Erde zu beenden. Es gilt, mit der Schöpfung behutsam umgehen zu lernen. Denn nur so hat die Biosphäre, die wir heute kennen, noch eine Zukunft.

Diese drei großen Aufgaben bedürfen aber zu ihrer Lösung der gemeinsamen Anstrengung aller, und so gilt es – als vierte große Aufgabe – das Zeitalter der Religionsstreite zu beenden: Unter den Christen gilt es den unchristlichen Streit um die richtige Lehre rasch und vollständig beizulegen. Und zugleich gilt es mit allen anderen Religionen das verständnisvolle und konstruktive Gespräch ohne Vorbedingung zu suchen und dabei zu entdecken, was uns mit ihnen verbindet. Es ist sinnlos zu räsonieren, ob eine Religion »zu Deutschland gehört« oder womöglich nicht: Wir brauchen sie alle, um den wichtigen Zukunftsaufgaben, so Gott will, einmal gewachsen zu sein.

Heute – an diesem schönen Nachmittag – gilt Ihnen allen mein besonderer Dank dafür, dass Sie mit freundlicher Rücksicht auf meine wechselnden Möglichkeiten hierher zu uns gekommen sind. Solche Stunden des Gesprächs im kleinen Raum sind eine schöne Sitte, in der sich schon seit dem Altertum die Gedanken viel freier und kreativer entwickeln können, als dies auf dem Marktplatz der Wissenschaft und in der großen Halle der Macht zumeist möglich ist. Schon der Blick in die Antike zeigt, wie sie beide zusammengehören: zuerst das Gespräch und Nachdenken im kleinen Kreis und dann die Erprobung gewonnener Einsichten draußen im Leben einer Gesellschaft. Darum beglückt es mich, dass ich heute – als Ihr soeben neu eingesetzter »Bekenner« – im kleinen Raum etwas beitragen darf, das Ihnen draußen, im großen Zusammenhang Ihres Tuns, eine Richtung aufzeigt.

Seien Sie darum alle herzlich bedankt für die große Ehre, die Sie mir erweisen! Möge sich weiterentwickeln, was wir gemeinsam beabsichtigen, und mögen die Beispiele, die wir erproben, sich als nützlich erweisen und hoffentlich allgemein Schule machen. Ihnen, Herr Ministerpräsident, und Ihren Mitarbeitern wünsche ich dabei eine glückliche Hand und Gottes Segen!

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