»Wir brauchen ein weltweites Friedenskonzil«

Zum Kirchentag 1983 in Hannover veröffentlichte Jörg Zink – unter dem Eindruck des Widerstands gegen Aufrüstungspläne in Westeuropa – diesen Aufruf in der Zeitschrift »Publik-Forum«. Auf dem Kirchentag 1985 in Düsseldorf wurde der Gedanke durch Carl Friedrich von Weizsäcker als Resolution eingebracht und in den Folgejahren in einer Reihe ökumenischer Konferenzen und »Friedenskonvokationen« weiter erörtert. In der Sache hat sich trotzdem seit dreißig Jahren so gut wie nichts verändert, religiös motivierte Gewalt und auch von manchen Christen verteidigte Kriege haben weltweit eher zugenommen: Die Aufgabe bleibt gestellt. 

 

Jörg Zink: Wir brauchen ein weltweites Friedenskonzil
Das Zeitalter der christlichen Kriege und Konfessionen ist vorbei

 Der Evangelische Kirchentag wird, wie eine Reihe seiner Vorgänger, ein Indikator dafür sein, wo die Wacheren unter unseren Zeitgenossen stehen: ein Messinstrument für den Bewusstseinswandel, der sich in unseren Jahren vollzieht.

 In den letzten zwei Jahren erlebten wir, wie sich durch eine Vernetzung vieler Gruppen und Initiativen das formierte, was wir heute »die Friedensbewegung« nennen. Das geschah so, dass jeweils einem speziellen Aspekt der Friedenssuche zugewandte Gruppen einander entdeckten und ihre Themen voneinander übernahmen. So sind pazifistische Gruppen heute wie selbstverständlich auch mit Umweltfragen befasst, ebenso wie mit den Problemen der Dritten Welt. Dritte-Welt-Gruppen und Menschenrechtsgruppen sind heute wie selbstverständlich auch gegen die Raketenstationierung in Mitteleuropa, denn sie wissen, dass die Menschenrechtsfrage unmittelbar mit der Hochrüstung der Großmächte zusammenhängt und mit der Zerstörung der Lebenswelt der Menschen durch die Industrienationen. Grüne und andere Umweltgruppen bekennen sich zu Abrüstung und Gewaltlosigkeit usw. Der Kampf gegen die Stationierung und das Elend in der Dritten Welt, die Befreiung der Frauen, der Schutz der Menschen vor Folter und Gewalt und vieles mehr sind zu einem einzigen, globalen Thema geworden: dem Thema »Frieden«, zu dem für uns das Thema »Frieden zwischen den Kirchen« hinzukommt.

Auf dem Hamburger Kirchentag 1981 trat diese neue Friedensbewegung zum ersten Mal deutlich ans Licht. Nun steht Hannover bevor. Und mehr noch als früher steht dieses Treffen unter dem Druck zweier gegensätzlicher Erwartungen.

Da ist zum Ersten die berechtigte Erwartung, dieser Kirchentag werde allen Kräften und Strömungen in der Kirche und um sie her Raum und Ausdruck geben. In der Tat muss es möglich sein, dass hier auch die miteinander reden, die sonst in weitem Abstand voneinander verharren. Es muss möglich sein, dass Christen der verschiedensten kirchlichen und politischen Couleurs ihre Überzeugungen darlegen, bereit, zuzuhören und die eigene Position zu überprüfen. Es muss möglich sein, dass auch in Zeiten politischer Polarisation eine Kirche Raum hat für Alte und Junge, für Linke und Rechte, für bewusste Christen und für Suchende und Fragende von außerhalb. Wenn die politische Auseinandersetzung irgendwo ohne Vorurteile und ohne Diffamierung des Gegners gelingen muss, dann, bitte, auf einem Kirchentag. Denn dies ist ja kein Kongress der Friedensbewegung allein, sondern eine Gelegenheit für alle, die Christen sein möchten, im Frieden miteinander über Wege zum Frieden zu reden.

Eine zweite Erwartung geht von den Gruppen der Friedensbewegung aus. Zum Herbst droht uns die Stationierung der Raketen, und wer sich von Sonntagsreden nicht taub machen lässt, kann wissen, welche Gefahr sie für die Weiterexistenz Europas bedeuten würden. Wer informiert ist, sieht das ungeheure Verbrechen an der Menschheit, auf das die Rivalität der Weltmächte zuläuft. Erste Fachleute der Friedensforschung wie Carl Friedrich von Weizsäcker sind mittlerweile überzeugt, der große Holocaust lasse sich nicht aufhalten. Zunächst werde Europa, danach die Menschheit untergehen. Ist dies aber so, dann ist begreiflich, dass sich viele von akademischen Reden und freundlichem Austausch der Meinungen nichts mehr versprechen. Dass sie sich gezwungen sehen zu einem Schrei ohne jede Rücksicht, zu einem Nein ohne jedes Ja. So erwarten viele vom Kirchentag in Hannover die Generalprobe für einen heißen Herbst.

Ob es gelingen wird, beidem gerecht zu werden, oder ob der eine oder der andere Wille den Kirchentag sprengen wird, muss sich zeigen. Die Friedensbewegung (der ich mich selbst zurechne) ist im allgemeinen in unserem Land eine Minderheit, eine diffamierte zumal. Auf dem Kirchentag wird sie vermutlich die Mehrheit sein. Eine Testfrage: Wie wird diese Mehrheit mit einer konservativen Minderheit umgehen? Wird sie sich als friedensfähig erweisen? Oder werden die Fundamentalisten unter den Friedensfreunden die Konfrontation suchen? Wir werden sehen.

Eines aber scheint mir gewiss: Es ist Zeit, über den kommenden Kirchentag und auch über den nächsten Katholikentag hinauszudenken. Pater George Zabelka, der die Atombomberpiloten von Hiroshima und Nagasaki betreute und heute als Rufer nach Frieden und Gewaltlosigkeit wirkt, hat in »Publik-Forum« vom 23.4.1982 eine Anregung gegeben, die ich heute mit Entschiedenheit aufgreife. Er sagt: »Es ist dringend notwendig, ein ökumenisches Konzil einzuberufen zu dem besonderen Zweck, klar zum Ausdruck zu bringen, dass der Krieg absolut unvereinbar sei mit der Lehre Jesu und dass Christen von jetzt an an keinem Krieg teilnehmen können und dürfen. … Dadurch würde allen Nationen unseres Planeten kundgetan, dass sie von nun an bei ihren gegenseitigen Massenmorden nicht mehr mit der geistlichen, physischen oder finanziellen Unterstützung der Christen rechnen können.«

Zabelka greift dabei auf, vermutlich ohne es zu wissen, was Dietrich Bonhoeffer 1934 auf der ökumenischen Konferenz in Fanö gefordert hat: »Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden so, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? … Der einzelne Christ kann das nicht. Er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeigen und leiden …, aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über der rasenden Welt. Warum fürchten wir das Wutgeheul der Weltmächte? … Wir wollen reden zu dieser Welt, kein halbes, sondern ein ganzes Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort. Wir wollen beten, dass uns dieses Wort gegeben werde – heute noch – wer weiß, ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden?«

Das ist es in der Tat, was wir am dringendsten brauchen: Nicht ein Konzil allein der »Friedensbewegungen«, sondern ein Konzil, das alle jene Kirchen und jene Christen umfasst und repräsentiert, denen im Ernst am Frieden gelegen ist, und das dem Ziel dient, einen Konsens zu finden gegen Krieg, gegen Hochrüstung, gegen Drohung, gegen Diffamierung, gegen Blockbildung, gegen Vorherrschaftswünsche und gegen den Missbrauch des Worts »Frieden« durch jene, die Vernichtung ganzer Erdteile in Kauf nehmen, um ihre Übermacht zu sichern. Es darf sich auf dieser Erde niemand der Meinung hingeben, er fände in den Christen Vollstrecker seines Traums von der Ausrottung seiner Feinde. Die Bischöfe sind gemeint, aber auch die Laienbewegungen, die Vereine, Orden, Verbände, Bürgerinitiativen, die christlichen Publizisten, aber auch die Politiker, die sich als Christen befragen lassen, worauf ihr Anspruch, christlich zu handeln, sich gründet, und die bereit sind, weiter zu denken als bis zur nächsten Wahl.

Sollten wir über die Zeiten nicht hinweg sein, in denen man um den Willen Jesu, wie er in der Bergpredigt formuliert ist, herumreden konnte? Sollten wir des historischen Sammelsuriums von Ausreden, wo der Wille Jesu Geltung habe und wo nicht, nicht endlich überdrüssig sein und erkennen, wie die Welt genau das von uns braucht, was dort formuliert ist? Sollten wir nicht endlich wissen können, dass nur der seinen Feind versteht, der ihn liebt – und dass es lebensgefährlich ist für die ganze Menschheit, wenn eine Weltmacht ihren Feind nicht versteht, weil sie ihn hasst und ihn zum »Zentrum alles Bösen in der Welt« erklärt? Sollten wir nicht endlich wissen können, dass heute Gewaltfreiheit kein Luxus mehr ist, sondern eine Bedingung für das Überleben der Menschheit? Ist es nicht Zeit, dass die Kirche Christi ihr Mandat, Frieden zu stiften, begreift? Ist es nicht Zeit, dass wir auf dem heute notwendigen Weg zum Frieden auch die eine Kirche Jesu Christi entdecken jenseits aller Konfessionen?

Ich gestehe gerne, dass das Zeitalter der Konfessionen für mich ebenso vorbei ist wie das Zeitalter christlicher Kriege, und dass ich mich nur dort noch engagiere, wo Christen die heutigen Aufgaben der Kirche konkret und gemeinsam anfassen. Frage: Sollte es nicht möglich sein, ein solches Konzil im Jahre 1984, spätestens1985, einzuberufen? Sollten wir nicht Ausschau halten nach Orten, Zeiten und Gelegenheiten, es abzuhalten? Ist der Kirchentag in Hannover nicht der Ort, Ideen und Vorschläge laut und öffentlich zu diskutieren?

Ich meine: Ja.

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Erschienen in »Publik-Forum« Nr. 11, 12. Jahrgang, 3. Juni 1983 (S. 1, 3–5)

  1. Anonymous schreibt im :

    Sehr geehrter Herr Zink,

    selbstverständlich sind auch Christen politische Menschen oder sollten es
    vielmehr sein. Aber sind nicht eindeutige politische Aussagen, wie Sie sie
    in Bezug auf die NATO-Nachrüstung getätigt haben, sehr gefährlich?
    Sind Sie auch in der Nachsicht der Meinung, daß Sie bzgl. der NATO-Nachrüstung
    richtig gelegen haben? Die Kriegsgefahr ist doch durch den Zusammenbruch
    des Kommunismus in den letzten 25 Jahren deutlich geringer geworden, auch wenn heute in der Ukraine in der Folge neue Gefahren auftauchen.

    Freundliche Grüße aus Westfalen

    Ihr M. R.

    • Online-Redaktion schreibt im :

      Sehr geehrter Herr Rövenstrunk,

      bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihren Kommentar erst jetzt finde und für meinen Vater beantworte. Er ist inzwischen fast 92 Jahre alt, aber auch die jüngere Geschichte hat an seiner Überzeugung nichts verändert: Es sind niemals die Waffen, die den Frieden bringen oder erhalten können, sondern immer sind es Gespräche, das Zuhören, das Kompromisse-Schließen und der Verzicht auf vermeintliche Vorrechte, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen. – So einfach und so schwer ist der Auftrag, den Jesus uns allen gegeben hat, und auch aktuelle Krisenlagen ändern daran nichts.

      Herzlichen Gruß, Christoph Zink

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